Der 30. Mai – und 1.000 Jahre Leipzig

Das wird ein besonderer 30. Mai: Zum einen gedenken wir in Leipzig um 10.00 Uhr der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli vor 47 Jahren. Was am 30. Mai 1968 geschah, die Zerstörung eines völlig intakten Gotteshauses, eines Ortes des freien Wortes innerhalb einer damals ideologisch und politisch gleichgeschalteten Gesellschaft und Universität, darf nicht der Vergessenheit anheimfallen. Nach den Peinlichkeiten in den vergangenen Jahren kann man nur hoffen, dass es in diesem Jahr endlich zu einem würdigen, gemeinsamen Gedenken in unserer Stadt kommt. Auf dem Augustusplatz wird nicht nur ein bronzenes Tastmodell der 1968 gesprengten Universitätskirche eingeweiht. Im Anschluss daran wird die neue Universitätskirche geöffnet – zwar noch immer eine Baustelle, aber die neue Schwalbennestorgel im Chorraum kann erklingen. Ein Zeichen dafür, dass die Universität sich diesen Neubau endlich als Universitätskirche St. Pauli aneignet? Man möchte es hoffen. Doch noch ist sie nicht (ein)geweiht, noch ist die Dreifachnutzung (gottesdienstlich, akademisch, musikalisch) innerhalb der Universität umstritten – und noch wird die neue Universitätskirche namentlich umhüllt und vernebelt mit dem kleinlichen Kunstwort „Paulinum“. Aber wenn die Gerüste gefallen sind, wenn auch das Langhaus genutzt werden kann, wenn jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird, der Universitätschor seine Konzerte in der Unikirche veranstaltet, wenn sich die „Leipziger Disputation“ zu einem Highlight des kritischen Diskurses entwickelt – dann werden wir wie eh und je nur noch von der Unikirche sprechen. Denn die Weichen sind gestellt: Dieses großartige Gebäude ist jetzt schon nichts anderes als eine Kirche an der Stelle des gesprengten Gotteshauses. Mehr noch: Die jahrelange Abwehr einer neuen Universitätskirche als geistiges und geistliches Zentrum durch die neutralistischen Säkularisten unter den Gebildeten, die damit einhergehende Religionsphobie allzu vieler Universitätsangehörigen, die weitgehende Abwesenheit einer offenen Debattenkultur im Wissenschaftsbetrieb und vor allem der Mangel an inhaltlich begründeten Alternativen (warum wurde zu keinem Zeitpunkt die neue Universitätskirche als ein interreligiöses Zentrum konzipiert?) haben dazu geführt, dass die kathedrale Architektur das Gebäude immer mehr zur neuen Universitätskirche werden ließ. Da taten die Rückführung des Pauliner-Altars aus der Thomaskirche in die Universitätskirche, die beiden Orgeln im Chorraum und auf der Westempore und die Kanzelattrappe ihr Übriges. Wenn dann die historische Kanzel, noch gut erhalten und auf die Restaurierung wartend, bald das Langhaus prägen wird, ist alles vorhanden, was zur Kirche gehört, ohne dass der akademische, auch interreligiöse Gebrauch des Raumes in irgendeiner Weise eingeschränkt ist. Wenn auch die Offiziellen von Universität und Stadt wahrscheinblich noch eine Weile so tun werden, als handele es sich bei der neuen Universitätskirche um ein „Neutrum“ – es wird Gott sei Dank alles so kommen, wie es der Geschichte der Universität und dieser Stadt entspricht: Die neue Universitätskirche wird ein herausragender Ort des freien Wortes, des geistlichen Lebens und des freien wissenschaftlichen Diskurses in einer demokratischen Gesellschaft. Jedenfalls ist das die erfreuliche Herausforderung, vor der Universitätsangehörige und Bürgerinnen und Bürger mit dieser Unikirche stehen.

Zum andern ist es kein Zufall, dass am 30. Mai 2015 auch das große StadtFestSpiel „Lipsias Löwen“ zur 1.000 Jahrfeier Leipzigs stattfindet und auf dem Augustusplatz seinen Höhepunkt findet – dort, wo die tragenden Säulen der Stadtgeschichte auch architektonisch sichtbar sind: Glauben und Bildung, Musik und Kultur, Wissenschaft und Handel. Wer sich die Grunddaten der Geschichte Leipzigs vergegenwärtigt, wird schnell erkennen: Alle wichtigen Weichenstellungen sind nicht gegen die Kirchen, sondern ganz wesentlich durch das tatkräftige Mitwirken von Christinnen und Christen vollzogen worden – nicht zuletzt, weil wir mit der jüdisch-christlichen Glaubenstradition über ein Fundament verfügen, auf dem sich sinnvolles und menschenwürdiges Leben entwickeln kann. Aus den Klöstern sind die Bildungseinrichtungen wie die Thomasschule oder die Universität hervorgegangen, aus denselben kamen auch die wesentlichen Impulse für die ökonomische Entwicklung. Durch die Reformation wurde die notwendige Trennung von Kirche und Bürgergesellschaft befördert, beide blieben aber bis heute aufeinander bezogen. Es waren und sind die Kirchen, die trotz ihrer eigenen Versagensgeschichte aufgrund ihrer Glaubensinhalte und Grundwerte immer wieder Anknüpfungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen konnten – gerade dann, wenn das städtische Leben durch Krieg, Terror und ideologische Gewaltherrschaft zerstört und zerrüttet war: wie am Ende des 30-jährigen Krieges oder nach 1945 oder 1989/90. Darum ist es folgerichtig, dass die Glaubensgemeinschaften ihren Beitrag zum Stadtjubiläum unter das Motto gestellt haben „Aus Quellen schöpfen“. Ohne diese Quellen, ohne dass wir die Anknüpfungsmöglichkeiten an die Grundbotschaft von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses (Carl Amery) in und durch die Kirchen lebendig erhalten, wird sich auch heute städtisches Leben nicht menschenwürdig entwickeln können. Für manchen mag sich das anmaßend anhören. Aber jeder möge sich überlegen, wie städtisches Leben aussähe, wenn 1988/89 die Friedliche Revolution nicht aus den Kirchen heraus initiiert worden wäre. Wer also heute meint, auf die Quellen des Glaubens verzichten zu können, wer meint, dass wir uns von dem verabschieden können, was die Stadt Leipzig in 1.000 Jahren wesentlich geprägt hat, der muss wissen, dass dies auf Dauer städtisches Leben veröden lässt. Auch das lehren 1.000 Jahre Leipzig. Darum tun wir gut daran, die Quellen des Glaubens nicht versiegen zu lassen und aus ihnen zu schöpfen – auch in der neuen Universitätskirche St. Pauli.

Nachtrag: Gerade komme ich von dem Festakt „1.000 Jahre Leipzig“ in der neu eröffneten, wunderbaren Kongresshalle am Zoo. Was mir auffiel: Kirche spielt nach wie vor keine Rolle. Zwar hat der Thomanerchor am Anfang Bach’s Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ gesungen (uraufgeführt in der Universitätskirche St. Pauli), aber der anwesende Bischof Dr. Heiner Koch vom Bistum Dresden-Meißen wurde dennoch nicht begrüßt, und kein Redner nahm Bezug auf die Institution und deren Glaubensfundament, die schon vor 1.000 Jahren existierten – geschweige denn, dass einen Tag vor dem Unikirchen-Gedenken die riskante Protestaktion einiger Studierender gegen die Sprengung in der Kongresshalle im Juli 1968 Erwähnung gefunden hätte. Das ist die gleiche Geschichtsvergessenheit, die auch Ministerpräsident Tillich an den Tag legte, als er – anstatt das Wort neue Universitätskirche St. Pauli in den Mund zu nehmen – vom „Paulinum“ sprach. Warum tun sich selbst die Christen unter den Rednern (und es waren nur Christen)  so schwer, dem Geist Gottes Raum zu geben? Es gibt noch viel zu tun.

Nachtrag 2: Es war ein historischer Augenblick am gestrigen Samstag. Nach der Enthüllung des Bronze-Modells der gesprengten Paulinerkirche auf dem Augustusplatz lud die Rektorin der Universität Leipzig, Beate Schücking, die Bürgerinnen und Bürger zur Besichtigung – und nun wörtlich – „der neuen Universitätskirche St. Pauli“ ein. Da hat der Geist tatsächlich der Schwachheit aufgeholfen.

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