Der 23. Mai 2018: 400 Jahre Prager Fenstersturz – 155 Jahre SPD – 69 Jahre Grundgesetz

Im Vorfeld des 23. Mai 2018 gestaltete der Arbeitskreis „Christinnen und Christen in der SPD“ am 14. Mai 2018 das traditionelle Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche zum Thema „In Frieden miteinander leben“. Dazu habe ich die folgende Ansprache gehalten:

Wie in Frieden zusammenleben? Diese höchst aktuelle Frage wird schon am Anfang unserer Bibel reflektiert. Die Geschichte von den beiden Brüdern Kain und Abel zeigt auf, wie konfliktreich das Zusammenleben von uns so verschiedenen Menschen verlaufen, wie es von Eifersucht zerfressen und egoistischem Erfolgsstreben zerstört werden kann und zu welcher Gewalt Menschen fähig sind, die ausschließlich ihre ureigensten Interessen durchzusetzen versuchen:

… (Kain) brachte von den Früchten des Erdbodens ein Opfer dar für Gott. Und Abel – auch er brachte dar von den Erstlingen seiner Herdentiere und von ihrem Fett, und Gott blickte wohlgefällig auf Abel und auf sein Opfer. Und auf Kain und auf sein Opfer blickte er nicht wohlgefällig. Da ergrimmte Kain sehr, und er ließ sein Angesicht fallen. Und Gott sprach zu Kain: Warum ergrimmst du, und warum lässt du dein Angesicht fallen? Ist es nicht so: Wenn du es gut machst, ist Erheben (d.h. trägst du die Nase hoch), aber wenn du es nicht gut machst, liegt die Sünde vor der Tür auf der Lauer, und nach dir hat sie Verlangen, du aber sollst über sie herrschen. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel … (Es ist interessant, dass wir nicht erfahren, was Kain zu seinem Bruder gesagt hat. Offensichtlich ist dies für die Geschichte unerheblich.) Und als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete ihn. (Die Bibel: 1. Mose 4)

Der Brudermord – er begleitet die Menschheit bis heute. Denn die meisten Verbrechen geschehen unter Menschen, die sich gut kennen und familiär, kulturell, gesellschaftlich miteinander verbunden sind. Auch Kriege werden von Menschen verantwortet, die sich bestens kennen, mit Champagner anstoßen und gemeinsam die Häppchen am Konferenz-Buffet verspeisen. Sie sprechen sogar – wie wir in den vergangenen Wochen erleben konnten – in angenehmer Atmosphäre und auf vergoldeten Stühlen sitzend ihre Waffengänge miteinander ab. Dass diesen Verabredungen völlig unbeteiligte Menschen zum Opfer fallen, ist einer der himmelschreienden Skandale, die die zu verantworten haben, die eigentlich Bedingungen des Friedens aushandeln sollen.

Dieser grausam-banale Mechanismus der Gewalt wird in der Geschichte von Kain und Abel offen gelegt. Dass wir nichts erfahren über das Gespräch zwischen den beiden Brüdern, zeigt auf, wie heuchlerisch-überflüssig sich letztlich das Gerede der Gewalttäter und Kriegstreiber ausnimmt. Entscheidend ist, dass danach das Töten beginnt; dass danach die alte, uns heute so vertraute Strategie verfolgt wird: Problemlösung durch Problemvernichtung. Also: Wenn es den Menschen, der mich stört, wenn es den Feind, der mich bedroht, nicht geben würde, dann hätte ich keine Probleme, dann müsste ich nicht zur Gewalt greifen, dann könnte Frieden herrschen. Wenn die Religionsgemeinschaft, durch die ich meinen eigenen Glauben infrage gestellt, meine Identität bedroht sehe, nicht existieren würde, wenn die vielen Ausländer, die mich fremd in der Heimat werden lassen, erst gar nicht ins Land gelassen worden wären, dann wäre alles gut. Der Schuldige ist also der, der mir Probleme bereitet. Er muss beseitigt werden.

Mit dem Friedensgebet erinnern wir an den Prager Fenstersturz vor 400 Jahren am 23. Mai 1618. Mit diesem endete eine lange, mühsam erstrittene Friedenszeit. Mit dem Augsburger Religionsfriede war 1555 ein Kompromiss zwischen den verfeindeten Konfessionen gefunden worden, der zum ersten Mal so etwas wie religiöse Toleranz ermöglichte: Cujus regio, ejus religio. So wie der Landesherr, so sollten auch die Untertanen glauben. Das war ein erster Schritt auf dem Weg zu religiöser und kultureller Vielfalt. Doch das war für all die Richtigkeitsfanatiker in den unterschiedlichen Konfessionen schon zu viel. Sie wollten die alleinige Macht. Damals wehrten sich die böhmischen Aufständischen dagegen, dass die freie Religionsausübung in ihrem Land, schon 1483 durch den „Kuttenberger Religionsfrieden“ gesichert, durch den katholischen Kaiser Ferdinand II. immer mehr beschnitten wurde. Sie stürmten eine Versammlung der Stände auf der Prager Burg und warfen zwei Vertreter aus dem Fenster. Danach kam es zum böhmisch-pfälzischen Krieg, der sich dann über drei Jahrzehnte zu einem der grausamsten Gemetzel in Mitteleuropa ausweitete. Mehr noch: In und mit diesem Krieg wurde alles zerstört, was dem Menschen heilig sein sollte und wofür Kirche eigentlich steht: „Treu und Glaube verfiel, indem die Stärke allein mit eisernem Zepter herrschte … und die Menschen verwilderten mit den Ländern.“ schrieb Friedrich Schiller. Er deutete damit an, dass weder Religion noch Religionslosigkeit Ursache von Gewalt oder Garanten des Friedens sind. Vielmehr kommt es darauf an, dass wir die Grundbedingungen des Menschseins beachten. Diese werden am Anfang unserer Bibel aufgezeigt. Dazu gehören das zerstörerische Machtstreben, sein zu wollen wie Gott (Turmbau zu Babel), die Fehlbarkeit des Menschen und die Vergänglichkeit des Lebens (Geschichte vom Sündenfall) sowie die Einsicht Gottes, dass Strafe allein sinnlos ist (Sintflut).

Dies bedenkend und auf Gottes Gnade vertrauend steht es uns Christen gut an, sehr selbstkritisch auf das zu blicken, was wir als Kirche über die Jahrhunderte beigetragen haben zur gewalttätigen Intoleranz, zu Kriegen und Verfolgungen, zur sozialen Ungerechtigkeit. Als vor 155 Jahren hier in Leipzig der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ (ADAV) gegründet wurde, aus dem die SPD hervorging, stand die aufstrebende Sozialdemokratie in schroffer Frontstellung zur Kirche – aber nicht, weil die Kirche sich an den Grundwerten des Evangeliums orientierte. Ein wesentlicher Grund für die Kritik war, dass die Kirche die biblische Friedensbotschaft vergessen hatte. Vergessen hatte sie auch, dass ihr eigenes herrschsüchtiges Verhalten schon in der Erzählung von Kain und Abel reflektiert wird. Als Kain seinen Bruder erschlagen hatte, fragt Gott Kain:

Wo ist Abel, dein Bruder? Und er sprach: Ich weiß es nicht, bin denn meines Bruders Hüter ich? Gott aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde her. Und jetzt: Verflucht bist du!

Ja, wir tragen bis heute Verantwortung für das, was wir angerichtet haben. Wie oft hat die Kirche gerade gegenüber den über Jahrhunderte verfolgten Juden ausgerufen: „Bin denn meines Bruders Hüter ich?“ Doch die Erde vergisst nichts. Darum ist es sinnvoll, wenn wir uns die kritischen Einsprüche des großen Sozialdemokraten August Bebel vom Jenaer Parteitag 1911 vergegenwärtigen: „Hier zeigt sich die ganze Heuchelei … der Kirche. Da hetzt z.B. ein Pfaffe zum Kriege … Und kommt es dann zum Kriege, dann steigen die Geistlichen auf 50.000 Kanzeln in Deutschland und beten zu ihrem Gott, er möge den Deutschen den Sieg verleihen. Unglücklicherweise machen das die Franzosen, die Engländer, die Spanier ebenso, und da wir heut … einen allgemeinen Christengott haben, so kommt dieser in die scheußlichste Verlegenheit, wem er denn eigentlich helfen soll.“ Diese Verlegenheit hat schon Jesus in der Bergpredigt aufgedeckt. Dort begründet er das umfassende Gebot zur Feindesliebe mit den Worten: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte …“ (Matthäus 5,45) Das alles weist uns daraufhin: In Frieden miteinander leben ist dann möglich, wenn wir uns als Menschen verstehen, deren Leben durch Gott mit Recht und Würde gesegnet ist. Das gilt für Abel, Opfer eines Gewaltverbrechens. Das gilt für Kain, den Mörder. Das gilt für jeden von uns – global, international, jenseits aller sozialen, rassischen, nationalen Gräben. Diese Sichtweise ermöglicht uns das, was wir heute Toleranz nennen. August Bebel meinte allerdings: „Nicht die Religion macht die Menschen tolerant, sondern die geistige Bildung.“ Da wir als Christen der Überzeugung sind, dass Glaube und Bildung keine Gegensätze sind, sondern sich bedingen, können wir heute die Frontstellung mit einem Gedanken von Albert Einstein überwinden: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“

Wir tun also gut daran, auch heute das von unserem Glauben in den öffentlichen, politischen Diskurs mit einzubringen, was uns die Augen für den nahen und fernen Nächsten öffnet. Wir tun deswegen gut daran, weil es leider nach wie vor zu viele Menschen gibt, die sich zwar Christen nennen, gegen deren Heuchelei aber ein August Bebel auch heute Sturm laufen würde: diejenigen, die Kriege religiös rechtfertigen, Rassismus betreiben, den Fremdenhass schüren und sich dabei auf das sog. christliche Abendland berufen – seien es die evangelikalen Fundamentalisten trumpischer Provenienz in den USA oder Pegida/AfD-Anhänger bei uns.

Der christliche Glaube aber hat nichts mit Kriegsverherrlichung, nichts mit Nationalismus, nichts mit identitären Bewegungen, nichts mit Rassismus zu tun. Das alles ist unvereinbar mit der biblischen Botschaft. Insofern kann ich August Bebel gut folgen, wenn er schreibt: „Das Gute, das während der Herrschaft des Christentums entstanden, gehört ihm nicht, und das viele Üble und Schlimme, das es gebracht, das wollen wir nicht.“ Ja, lieber August Bebel: Der christliche Glaube richtet sich an alle Menschen; er ist kein Eigentum der Kirche. Darum können wir dankbar feststellen, dass viel von dem Guten ins Grundgesetz eingeflossen ist, ohne dass unsere Verfassung eine bestimmte Religion oder Konfession bevorzugt oder gar zur „Leitkultur“ erklärt. Das Grundgesetz greift mit Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ das auf, was uns mit der Geschichte von Kain und Abel nahe gelegt wird: Niemand hat das Recht, sich über einen anderen Menschen zu erheben – weder Jugendliche, die in Leipzig die Scheiben eines Gotteshauses einwerfen, noch sog. Islamisten, die – wie auf der indonesischen Insel Java – durch Terroranschläge Dutzende Gottesdienstteilnehmer kaltblütig ermorden. Auch deren Blut schreit aus der Erde.

So haben wir immer wieder anzumahnen, an die Traditionen in Kirche und Politik anzuknüpfen, die uns ermöglichen, in Frieden zusammenzuleben. Der große Sozialdemokrat und überzeugte evangelische Christ, Gustav Heinemann, von 1969-1974 Bundespräsident, sagte am 1. Juli 1969 in seiner Antrittsrede: „Nicht der Krieg ist der Ernstfall, in dem der Mann sich zu bewähren habe, wie meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den Schulbänken lernte, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr.“ Dort wo Kriege geführt werden, dort wo gemordet wird, werden Existenzen ausgelöscht – und doch tun die Kriegstreiber so, als ob dies der Menschheit dient. Das ist eine unausrottbare Verlogenheit. Diese haben wir auch heute als solche zu entlarven. So sind wir aufgerufen, uns der Bewährungsprobe des Friedens zu stellen, damit Kain und Abel wo auch immer zusammen und in Frieden leben und ihre Interessensauseinandersetzungen ohne Vernichtungsabsichten führen können.

* „Krieg ist ein Zustand, bei dem Menschen aufeinander schießen, die sich nicht kennen, auf Befehl von Menschen, die sich wohl kennen, aber nicht aufeinander schießen.“ (George Bernard Shaw)

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