Advent und der Sachsen-Monitor 2018

Mit dem 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr. Noch wichtiger: In der Adventszeit können wir uns neuer Aussichten gewiss werden. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Die Bibel: Lukas 21,28) heißt der Leitspruch für den 2. Advent. Jesus sagt das zu seinen Anhängern. Aufrechter Gang, der einen unverstellten Blick über den Tellerrand des Heute ermöglicht – das ist die Körperhaltung und Anschauung der Welt, die wir im Advent einnehmen und derer wir uns bedienen können. Doch leider sind bei zu vielen Menschen die Augen gehalten und der Gang gebeugt. Sehr unadventlich hört sich manches an, was der Sachsen-Monitor 2018 an verstelltem Blick und gekrümmtem Rücken zu Tage gefördert hat (https://www.staatsregierung.sachsen.de/download/ergebnisbericht-sachsen-monitor-2018.pdf):

  • 23 % der 18-29jährigen Sachsen stimmen der Aussage zu, dass sich wie in der Natur immer der Stärkere durchsetzen sollte.
  • 45 % der Sachsen sagen, dass sie weniger oder sehr viel weniger als den gerechten Anteil im Vergleich zu anderen Menschen in Deutschland erhalten.
  • 56 % der Sachsen sehen die Bundesrepublik voll oder eher in einem gefährlichen Maß durch die vielen Ausländer überfremdet. Dem entspricht, dass sich 49 % manchmal voll oder eher durch die vielen Muslime wie ein Fremder im eigenen Land fühlen.
  • 32 % der Sachsen stimmen voll und 36 % eher der Aussage zu: „Wenn das Volk mehrheitlich in einer Volksbefragung etwas fordert, dann sollte das von der Politik auch umgesetzt werden – egal was Gerichte, Parlamente oder das Grundgesetz dazu meinen.“

Der innere Zusammenhang dieser Ergebnisse besteht in einer im eigenen Ich verfangenen Blickrichtung und darin, dass es sehr vielen Menschen an jeder Zukunftsperspektive mangelt. Wohin auch schauen, wenn einem das Gegenüber fehlt. Die Folgen sind offensichtlich:

  • Der Stärkere, also möglichst ich selbst, soll sich durchsetzen. Das, was herrischen Stillstand bedeutet, wird zum Naturgesetz erklärt. Doch wird mit diesem zweifelhaften Ego-Heroismus nur die eigene Schwäche kompensiert. Ausgeschlossen wird das Wunder, die Umkehrung der Verhältnisse.
  • Fast jeder zweite Sachse sieht sich gegenüber anderen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland benachteiligt, was vor allem Ausdruck einer Opferhaltung ist.
  • Diese Einschätzung korrespondiert damit, dass man sich fremd im eigenen Land fühlt: zu viele Ausländer, zu viele Muslime – und das, obwohl nur wenige in der unmittelbare Umgebung leben.
  • Alles wird besser, wenn Ich, das Volk, das durchsetzen kann, was Ich, das Volk, für richtig halte … und da lassen wir uns von niemandem, schon gar nicht von Gerichten, Parlamenten oder dem Grundgesetz reinreden.

Was allen vier Haltungen gleich ist: Aussichten verlieren sich in Angst, Erwartung erstickt in Furcht, Veränderungswille verkommt zur Anmaßung, die eigenen Interessen möglichst unkontrolliert durchsetzen zu können. Advent aber bedeutet: Angst verkehrt sich in hoffnungsvolle Aussicht – Aussicht auf Verhältnisse, in denen ich als Geschöpf Gottes Anerkennung finde – und zwar genauso wie der Schwache, der Fremde und der, dem es offensichtlich besser geht als mir selbst. Denn alles, was der andere ist, bin ich selbst auch oder kann es werden: stark und schwach, Ausländer (fast überall) und Einheimischer (aber nur daheim), mal zur Mehrheit, mal zur Minderheit gehörend, mal oben, mal unten, glaubensfest und zweifelnd. Vor Gott aber bin ich immer derselbe: ich allein, in meiner Bedürftigkeit und Hinfälligkeit, aber in dieser Schwäche angenommen und stark. Das ist die Aussicht des Advent: Alles kann anders werden. Sie befreit mich vom eitlen Blick nur auf mich selbst, das Gegenteil von Selbstbewusstsein. Ich muss weder begründen, dass ich bin, noch mich über andere erheben, um so meine Überlegenheit zu spüren. Paul Gerhardt (1607-1676) hat dies im Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ wunderbar zum Ausdruck gebracht: „Ich lag in schweren Banden, / du kommst und machst mich los; / ich stand in Spott und Schanden, / du kommst und machst mich groß / und hebst mich hoch zu Ehren / und schenkst mir großes Gut, / das sich nicht lässt verzehren, / wie irdisch Reichtum tut.“ Höchst bedauerlich, dass diese Botschaft auch in Sachsen an so vielen Menschen vorbei geht, weil sie eines verlernt bzw. nie vermittelt bekommen haben: der aufrechte Gang und ein Bewusstsein von mir selbst. Beides wird durch ein getröstetes Gottvertrauen ermöglicht und beides zeitigt gesellschaftspolitische Folgen.

P.S. Zum Thema Aussichten siehe auch:
Predigt über Jesaja 65,17-25 am Ewigkeitssonntag 2018 in Gatzen und Groitzsch

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