Absurd-gefährliches Theater: Corona-Schutzmaßnahmen-Gegner mit Reichskriegsflaggen vor der Nikolaikirche

Nach vielen Wochen fand am Montag, 11. Mai 2020, erstmals wieder ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche statt. Thema: der 8. Mai 1945, der Tag der Befreiung. Knapp 100 Menschen saßen auf den ausgewiesenen Plätzen in der Kirche. Pfarrer Bernhard Stief von der Nikolaikirche hatte dieses Friedensgebet vorbereitet. Mit dabei: die Leiterin der Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig Josephine Ulbricht. Sie berichtete über ihre Arbeit und rief dazu auf, alles zu tun, um die Demokratie zu stärken und dem Antisemitismus zu widerstehen. Am Schluss ihres Beitrags warnte sie ausdrücklich vor Verschwörungserzählungen und rechtem Gedankengut bei den sog. Anti-Corona-Schutzmaßnahmen-Demonstrationen. Kaum hatte sie dies ausgesprochen, standen ca. 30-40 Menschen auf und verließen die Nikolaikirche. Offensichtlich spürten die, die sich für ihren Spuk die Nikolaikirche als Ausgangspunkt auserkoren hatten: Hier sind wir falsch. Richtig! kann man ihnen nur nachrufen. Draußen vor dem Haupteingang der Nikolaikirche hatten inzwischen Männer mit mehreren Reichskriegsflaggen Aufstellung bezogen – und das unter den Augen der Polizei, die sehr zahlreich auf dem Nikolaikirchhof vertreten war.

Mit dieser an sich ungeheuerlichen Demonstration sollte dem Letzten klar geworden sein, wess‘ Geistes Kinder diejenigen sind, die deutschlandweit seit einigen Wochen Demos und Kundgebungen veranstalten, um angeblich gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Mögen darunter auch manche sein, die einen Ort suchen, um ihrem Unbehagen und Protest gegen manche Maßnahmen der Regierungen Ausdruck zu verleihen – offensichtlich ist bei den Akteuren die Coronakrise nur äußerer Anlass, um den Rechtsnationalismus a la AfD und autokratischen Phantasien wiederzubeleben. Denn es geht ihnen ja nicht um Kritik an den Maßnahmen der Regierung, um politische Alternativen. Vielmehr werden Pauschalverdächtigungen ausgesprochen, das „System“ infrage gestellt und letztlich alle Bürger/innen zu Opfern anonymer Mächte erklärt: Bill Gates, George Soros, das internationale Finanzkapital, die WHO – wir alle sind nichts anderes als Marionetten dieser Kapitalistenzombies und ihrer Helfershelfer, allen voran die „Kanzlerdiktatorin“ Angela Merkel. Es geht nicht um Beteiligung des Einzelnen an demokratischen Prozessen, nicht um einen alternativen Umgang mit der Corona-Pandemie – es geht darum, Massen gefügig zu machen. Hat man die Menschen erst einmal in ihren Ohnmachtsgefühlen bestätigt, kann man ihre Wut und ihren Frust beliebig lenken. Alles wie gehabt. Darum kann es nicht verwundern, dass auf den Demonstrationen nicht eine erstrebenswerte politische Perspektive entwickelt, kein verantwortliches Engagement geweckt wird, sondern ausschließlich Feindbilder bedient werden. Wer hier mitmacht, kann sich nicht darauf berufen, eigentlich etwas ganz anderes als die Initiatoren von „Widerstand 2020“ oder „Bewegung Leipzig“ zu wollen. Er und sie wissen, dass sie eine vermeintliche Abhängigkeit und Fremdbestimmung mit einer tatsächlichen tauschen. Begehen wir also nicht noch einmal den Fehler wie 2014/15 bei Pegida, diesen von Anfang an rechtsradikalen Scharlatanen irgendwelche „Sorgen und Ängste“ zu unterstellen, die man „ernst nehmen“ müsse. Nein, ernst nehmen müssen wir die tatsächlichen Absichten!

Wer aber jetzt sein Unbehagen mit und seine Kritik an dem Handeln der Regierenden in der Corona-Pandemie Ausdruck verleihen will, der sollte sich Rechenschaft geben über die Ziele seines Handelns und entsprechende Mitstreiter/innen suchen. Wenn es stimmt, dass jenseits aller Verschwörungserzählungen und monokausalen Systemerklärungen die Coronakrise anzeigt, dass sich die Natur gegen unsere exzessive Lebensweise wehrt, stehen wir jetzt vor diesen Herausforderungen:

  • den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken. Er ist der beste Schutz gegen Viren. Die Pandemie zeigt: Gesellschaften, in denen die Schere zwischen arm und reich weit auseinandergeht, bieten die größten Angriffsflächen für Viren.
  • Gesundheits- und Klimaschutz müssen miteinander verbunden werden.
  • Der wirtschaftliche Neuaufbau nach dem Shutdown mus dem Klimawandel Rechnung tragen. Die jetzige Situation darf nicht dazu missbraucht werden, Umweltstandards zu schleifen. Vielmehr muss der Klimaschutz viel schneller greifen, als im sog. Kohlekompromiss vorgesehen.
  • In allen Bereichen müssen wir darauf achten: Was können wir dazu tun, Ängste abzubauen und die Ernährung in allen öffentlichen Einrichtungen (Kitas, Schulen, Krankenhäuser, Kantinen) zu verbessern.

Dafür müssten Tausende auf die Straße gehen und den politischen Parteien Druck machen. Das aber wird nur funktionieren, wenn wir dafür den Rahmen achten und nutzen, der durch die demokratischen Grundwerte unserer Verfassung weit gesteckt ist.

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Gott sei Dank hat nach dem Friedensgebet „Leipzig nimmt Platz“ mit diesem Transparent und sehr klaren Wortbeiträgen einen deutlichen Kontrapunkt zu den Reichskriegsfahnen gesetzt.

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